Ein Mord, eine Abtreibung und ein Opferritual

Ich stand gerade bei den Mechanikern und ließ eine kleinere Reparatur an meinem Wagen machen, als auffällig viele Eingeborene in die Richtung strömten, in der wir gestern noch unsere Testlinie hatten. Im Vorbeihegen sagte einer zu mir “Santa Maria” und deutete auf all die dahin eilenden Menschen. Ich dachte es sei eine Beerdigung oder wieder dieser seltsame Brauch, wo sie die Toten wieder hervorholen. Eine viertel Stunde später kam mir mein Chef entgegen und sagte nur: “Don´t go there, its not nice! They chopped a guys head off!” Ich ging dann wieder zurück zu den Mechanikern und Phil meinte nur: “They dragged me down there to look at him, I have no clue what that was good for!”
Der Campdoktor wurde hingeschickt, konnte aber auch nur den Tod bescheinigen. Man hatte dem Mann mit einer Machete von hinten versucht den Kopf abzuschlagen, aber es reichte “nur” ihn zu töten. Später stellte sich dann die Geschichte so dar, als sei es eine Familienfede, der er zum Opfer gefallen sei. Der Doktor kam jedenfalls sehr geknickt wieder zurück.
Jeden Tag was Neues: Gerade kam die Polizei rein, um uns mitzuteilen, das ein 25 jähriges Mädchen eine Abtreibung hatte und daran verstarb – gleich neben dem Camp. ...

Die Geister schienen nicht auf unserer Seite zu sein, was auch kein Wunder war, denn wir hatten ihnen ja noch kein Opfer gebracht, denn so ist es nun mal Sitte, hier auf Madagaskar. Jede Crew hat diese Zeremonie vor sich und mal fällt sie einfacher, mal härter aus. Bei uns lief es so ab, dass 20 Malagassi eine Kuh kauften (400.000 Ariarys!) Unsere Kuh war nicht sonderlich groß und stark, wahrscheinlich also kein allzu guter Glücksbringer.
Am Abend kamen sie dann in unser Camp und haben ein Zelt in Beschlag genommen, getrom- melt, gesungen und Randale gemacht – denn Bier musste ihnen auch noch gestellt werden und natürlich noch etwas Geld etc.

Die arme Kuh war vor dem Campeingang angepflockt und so verstört, dass sie die ganze Nacht am Blöken war). Am nächsten Morgen wurde sie dann geopfert. Man brachte sie zu Boden, schnitt ihr kurzer Hand die Kehle durch und nun kam es zum eigentlich glückbringen- dem Akt. Das dazu eingeladene Crewmanage- ment musste weitere 10000 Ariarys (jeder) auf den Kadaver legen und dabei “Gutes Gelingen” wünschen (wahrscheinlich waren das aber dann wohl eher Wünsche wie: ein Lotteriegewinn, mal wieder einen sauberen Lokus vorfinden oder einfach nur möglichst schnell nach Hause zu kommen!) Die 10000 Ariarys waren jedenfalls im Bruchteil einer Sekunde von der toten Kuh in die Taschen der Eingeborenen verschwunden und jetzt wird ganz bestimmt alles besser – zumindest gab es heute keinen weiteren Todesfall.

