Diesel, Fernseher und Kalaschnikows: Welcome to Dinka – Land!

Seit ein paar Tagen arbeiten wir im Grenzgebiet zwischen den Nuers und den Dinkas. Beide Stämme sind traditionell verfeindet und haben immer wieder Auseinander- setzungen wegen ihres Viehs. Die Sage besagt, dass Gott zwei Söhne hatte, Nuer und Dinka. Dinka versprach er eine alte Kuh und Nuer ein junges Kalb. Eines Nachts imitierte Dinka die Stimme seines Bruders und Gott gab ihm das Kalb. Als der Schwindel entdeckt wurde, gab Gott seinem jüngeren Sohn auf, bis in alle Zeiten das Vieh seines Bruders zu stehlen.

In der neueren Zeit kam aber noch ein weiterer Gegensatz hinzu: Die Dinka dominierten die SPLA!
Vor ein paar Tagen wurde ein Vermessungsteam gestoppt: Die drei Vermesser aus dem Norden wurden vorübergehend mitgenommen, ihres Geldes entledigt und später dann wieder freigelassen. Den Nuer, der bei ihnen war, ließen sie zufrieden.
Es waren 10 bis 12 Mann, die meisten mit AK47s. Ich sah sie aus dem Busch kommen und beschloss einfach weiterzufahren, sie erst einmal zu ignorieren. Allerdings konnte ich nicht schnell fahren. Einer von ihnen rannte neben dem Hagglundt her und deutete auf seine Maschinenpistole. Das war dann doch überzeugend genug! Ich hielt an. Sofort machte sich der Mechaniker neben mir ganz klein (kommt aus dem Norden und wollte sein Geld behalten!) und die beiden Nuer auf der Ladefläche fingen heftigst mit den Dinka zu lamentieren an. (Als ich sie später fragte, worum es denn gegangen sei, antworteten sie, sie wüssten es doch auch nicht, da sie genauso wenig wie ich, die Sprache der Dinka verstehen könnten.)

Nach einigen Minuten klangen die Stimmen nicht mehr so aufgeregt und ich stieg aus. Alle redeten auf mich ein, aber ich verstand nicht worum es ging. Das mussten sie dann nach ein paar weiteren Minuten auch einsehen und gaben auf. “Shura“ hieß das Zauberwort und ließ sie dann entspannter werden. Also zückte ich die Kamera und alle waren ganz begeistert sich auf dem Display sehen zu können. Anschließend forderten sie nur noch Wasser, dann durften wir von dannen ziehen.

Einen Tag später standen mehr als 20 von ihnen vor dem Messwagen und wollte mit der Security sprechen. Jeder von ihnen hatte eine Maschinepistole und alle wollten was zu essen, Wasser, Schuhe etc. Es ging aber ganz friedlich ab und für den nächsten Tag wurde ein Treffen arrangiert. Dabei kam heraus, dass sie einmal wöchentlich eine Lieferung mit Lebensmittel bekommen sollen, womit auch jeder von ihnen zufrieden war.

Gestern Abend kam es dann zu einem Zwischenfall in der Nähe des Flycamps: Die Guards, die zum Sammelpunkt gefahren wurden, mussten im Dorfe Fakur stoppen und wieder umdrehen. Niemand sei berechtigt durch das Dorf zu fahren! Fakur ist weniger ein Dorf, als eine Hüttenansammlung eines Militärpostens in dem der örtliche Commander residiert; und eben der hatte einen Brief verfasst und diesen mit den Guards an die Petronas Security gesandt. In dem Brief untersagte er jegliche Aktivitäten in seinem Einflussbereich, bis er nicht von der Security aufgesucht werden würde, damit diese seine Forderungen entgegennehmen könnten. Er begehrt Diesel, Ersatzteile für seinen Toyota, Lebensmittel und eine Sattelitenschüssel mit dazugehörigem Riesenfernseher. (Wahrscheinlich wird er dann später feststellen müssen, dass ohne Strom nichts geht und er auch noch einen Generator erpressen muss. Ist ja aber auch kein Problem, da es ja genügend AK47s gibt um nachzuverhandeln).

Man darf dies aber nicht einfach als Banditentum abtun, sondern muss bedenken, dass im Vorfeld den Leuten hier das Blaue vom Himmel versprochen wurde und natürlich nichts von dem eingehalten wurde. (Das es vielleicht Dinge gibt, die wichtiger sein könnten, als ein TV-Gerät, ist eine andere Sache. Jeder setzt halt seine Prioritäten anders!) Um endlich ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, griffen sie eben zu einem bewehrten Mittel: der AK 47 (welche nach wie vor der größte russische Exportschlager ist!). Hier kennen sie keine anderen Konfliktlösungsstrategien. 23 Jahre Bürgerkrieg sind prägend!

Die Guards wurden später mit dem Hubschrauber rausgeflogen, einfach über Fakur rüber!
Heute morgen hieß es, dass das Fakur nicht mehr zu passieren sei, da es dort zu Auseinandersetzungen mit Schießereien wegen “vermeintlichem Viehdiebstahls“ gekommen sei. Ich bin dann gemeinsam mit einem Kollegen direkt ins Flycamp geflogen, um dort die Arbeiter zu informieren, die heute rausgeflogen werden mussten. Allerdings herrschte dort einigermaßen Unruhe und niemand wollte in den russischen Helikopter einsteigen. “Don’t you know about our problem? We are not allowed to leave this camp!” Erst dann sahen wir, dass das Camp umstellt war. Niemand sollte es verlassen, bis der Commander seine Erlaubnis dazu geben würde. (Wahrscheinlich, wenn er nun endlich seinen Fernseher bekommen hat!)
Dimitri der russische Pilot kam zu uns und fragte, wie unsere Firma denn dazu käme uns hierher fliegen zu lassen. Sein Sudanesischer Copilot hatte mit einigen Soldaten gesprochen und die sagten ihm, falls auch nur ein einziger lokaler Arbeiter den Hubschrauber besteigen würde, würden sie schießen. So einfach kann man selbst einen Dinka nicht austricksen. Einfach drüberfliegen, haha! Wir wurden angewiesen zu warten, bis dann nach einer guten Stunde der Anruf kam, wir sollten zurückfliegen. Der Brief des Commanders wurde von der Security erst mal zurückgehalten und falsche Informationen ausgegeben, von wegen Viehdiebstahl mit Schießerei, etc. Wahrscheinlich dachten sie, es wäre nur ein Bluff!
WELCOME TO DINKA – LAND!


